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Kurzfassung / Resumé

Wie bereits in früheren Werken kreist Wiederhold in seinem künstlerischen Schaffen um das Phänomen der Manipulierbarkeit der Wahrnehmung durch manipulierte Bilder. Wenn er Merkel und Schröder in seinen ironischen »Zeitspiegelungen« in geradezu typischen Posen zeigt, die durch Spiegelung und endlose Reihung fast den Reiz des Komischen gewinnen, stellt er zugleich die durchaus ernsthafte Frage nach der Bedeutung und der Macht von Bildern und nach dem Umgang mit Medien in Zeiten der Bilderflut – und in Zeiten des politischen Wahlkampfes bzw. Machtwechsels.

 

Betrachtung
 
 
 
Tillmann Wiederholds Werk mit dem Titel »Zeitspiegelungen«besteht aus zwei frei im Raum von der Decke hängenden Textildrucken, die – den Ausstellungsräumlichkeiten angepasst – entweder das Format 150 x 150 cm aufweisen oder aber als Textilbahnen gestaltet die ganze Höhe des Raumes einnehmen sollen. Die für den Textilgrund gewählten Bildmotive werden im Digitaldruckverfahren auf transparentes Textilgewebe aufgebracht, so dass sie für den Betrachter umlaufend und von beiden Seiten sichtbar sind.

Die so als raumgreifend wahrgenommenen Flächen zeigen in beiden Fällen eine Reihung von kleinen Figuren. Als Pendants sieht man auf der einen Fläche eine in sich gespiegelte männliche Figur in lässiger Pose; auf der anderen Textilbahn eine weibliche Figur mit hochgehaltenem Arm, gleichfalls gespiegelt und vielfach aneinandergereiht.

Bei der Betrachtung aus unmittelbarer Nähe entpuppen sich die Figuren als bekannte politische Persönlichkeiten: auf der einen Seite erkennt man den jetzigen Bundeskanzler Gerhard Schröder, auf der anderen Seite die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel. Als solche erkannt zeigen sie sich in einer für den Betrachter wohlbekannten, durchaus als typisch und charakteristisch zu bezeichnenden Körperhaltung. So handelt es sich bei den Motiven denn auch um Photos der beiden Politiker, die durch die Presse veröffentlicht und verbreitet wurden. Dennoch nehmen die Bilder keinen Portrait-Charakter ein, denn die Personen stehen durch die farbliche wie formale Verfremdung nicht mehr als individuelle Persönlichkeiten der Politik im Vordergrund.

Im Gegenteil: Die farblich verfremdeten, stilisierten Figuren sind zu einem rhythmisch gleichbleibenden, fast monotonen Dekor vervielfältigt, das gerade nicht von der Individualität der Persönlichkeiten lebt, sondern die Identität durch die konstruierte Aufreihung und die Spiegelung der aufgegriffenen Photos aufhebt. In aberwitziger Vervielfältigung agieren Angela Merkel und Gerhard Schröder im leeren Raum wie ausgeschnittene Figürchen als Dekor einer unendlich fortsetzbaren Tapete. So treten auch die konkreten politischen Inhalte, die mit den hier dargestellten realen Personen in Verbindung stehen, in den Hintergrund: Die Werke dienen offensichtlich nicht einer politischen Stellungnahme, sondern äußern sich lediglich als Bildpunkte des aktuellen nationalen Zeitgeschehens.
 

In einer Art ironischer Übersteigerung wählt Tillmann Wiederhold Bildmotive, die aufgrund ihrer starken öffentlichen Präsenz unmittelbar Assoziationen hervorrufen und den Betrachter spontan ansprechen. Stärker noch als das Einzelmotiv wirken die Werke jedoch durch ihre künstlerische Gestaltung, die neben der dezidierten Auswahl des Motivs und ihrer Isolierung aus dem ursprünglichen Kontext, vor allem die Spiegelung, Reihung und starke farbliche Verfremdung vorsieht und somit den konventionellen, der Realität entsprechenden Wahrnehmungsgewohnheiten entgegenwirkt: Wie künstlich eingefärbte, sich rhythmisch bewegende Tanzpuppen zeigen sich die im Kunstwerk zu einem Abbild der Politiker-Persönlichkeiten gewordenen Figuren, die auf wenige Wesensmerkmale reduziert, typisiert und ins klischeehafte überführt werden.

Mit dieser Konzeption stellt Wiederhold die kritische Frage nach dem suggestiven Potential der Medien und führt die Beeinflussbarkeit der Medienkonsumenten vor Augen:
Wie werden Photographien, das heißt einzelne, fixierte, in das unbelebte Medium Bild übertragene Momente in den Medien benutzt, wie werden sie zu Trägern nonverbaler Botschaften, die das gesprochene oder geschriebene Wort verdrängen oder sogar verfremden?
Wie werden sie aber auch vom Betrachter kritiklos bzw. unbewusst konsumiert, zur Bestätigung bestehender Vorurteile aufgegriffen und zum Maßstab einer Beurteilung erhoben?

Indem Wiederhold beispielhaft die Photographien zweier bekannter politischer Persönlichkeiten aus der Masse der von den Medien täglich produzierten Bildern herausgreift und künstlerisch bearbeitet, veranschaulicht er das Risiko, das mit der Isolation und der medialen Verselbständigung von Bildern immer einhergeht. Aussagen und Identitäten können zu vordergründigen Mustern reduziert werden, die von den Rezipienten nicht mehr überprüft, sondern im Sinne eines bequemen Konsums lediglich wiedererkannt werden.

 

 

Text:
© Eva Marie Ehrig & Michaela Rung-Kraus
Wort für Kunst 2005

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